Bakterienkulturen und Ballaststoffe: Was die Begriffe bedeuten und welche erlaubt sind
„Probiotisch“ und „präbiotisch“ dürfen in der EU nicht als Werbeaussage verwendet werden. Was stattdessen auf die Packung gehört, woran man einen ordentlich deklarierten Bakterienstamm erkennt und welche Ballaststoff-Aussagen tatsächlich zugelassen sind.
Das Wichtigste in Kürze
- „Probiotisch“ gilt in Deutschland als gesundheitsbezogene Angabe und ist nicht zugelassen. Zulässig ist die sachliche Beschreibung: „mit Bakterienkulturen“.
- Dasselbe gilt für „präbiotisch“. Erlaubt ist „Ballaststoffe“ oder die konkrete Bezeichnung, etwa Inulin oder Akazienfaser.
- Bei Bakterienkulturen zählt der Stamm, nicht die Gattung. „Lactobacillus“ allein ist keine Information.
- Für Ballaststoffe gibt es mehrere zugelassene Angaben, etwa zu Chicorée-Inulin, Weizenkleie und Roggenballaststoff, jeweils an klare Mengen gebunden.
- Für einzelne Bakterienstämme in Nahrungsergänzungsmitteln gibt es dagegen keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe.
Warum „probiotisch“ nicht auf die Packung darf
Eine gesundheitsbezogene Angabe ist nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 jede Aussage, die einen Zusammenhang zwischen einem Lebensmittel und der Gesundheit herstellt. Das gilt ausdrücklich auch für Andeutungen und für einzelne Begriffe.
Das Wort „probiotisch“ bedeutet wörtlich „für das Leben“ und transportiert damit ein Versprechen. Die deutschen Lebensmittelüberwachungsbehörden und die Gerichte behandeln es deshalb als nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Dasselbe gilt für „präbiotisch“ und für zusammengesetzte Begriffe wie „Darmgesundheit“, weil dort Gesundheit und Organ direkt verknüpft werden.
Was stattdessen geht, ist die nüchterne Beschreibung dessen, was drin ist:
| Statt | Besser |
|---|---|
| probiotischer Komplex | Komplex mit Bakterienkulturen |
| präbiotische Ballaststoffe | Ballaststoffe, zum Beispiel Akazienfaser |
| für deine Darmgesundheit | mit Bakterienkulturen und Ballaststoffen |
| 10 Milliarden gute Bakterien | 10 Milliarden koloniebildende Einheiten |
Was Bakterienkulturen sind
Gemeint sind lebende Mikroorganismen, meist Milchsäurebakterien und Bifidobakterien, wie sie auch in Joghurt, Kefir, Sauerkraut und anderen fermentierten Lebensmitteln vorkommen.
Entscheidend ist die vollständige Bezeichnung. Sie besteht aus drei Teilen:
- Gattung, zum Beispiel Lacticaseibacillus
- Art, zum Beispiel rhamnosus
- Stamm, zum Beispiel GG
Erst der Stamm macht die Angabe überprüfbar. Zwei Stämme derselben Art können sich unterscheiden wie zwei Hunde derselben Rasse. Wer nur „Lactobacillus“ auf die Packung schreibt, sagt so viel wie „Hund“.
Einige Stämme sind markenrechtlich geschützt und tragen ein ®, etwa LactoSpore®. Das ist kein Qualitätssiegel, sondern ein Hinweis darauf, dass ein bestimmter, dokumentierter Stamm verwendet wird. Genau das ist die nützliche Information.
KBE, und warum die Zahl allein wenig sagt
KBE steht für koloniebildende Einheiten, englisch CFU. Die Angabe beschreibt, wie viele vermehrungsfähige Keime enthalten sind. Üblich sind Produkte im Bereich von einer bis über hundert Milliarden KBE pro Tagesportion.
Drei Dinge, die die Zahl relativieren:
- Zeitpunkt. Gilt die Angabe zum Zeitpunkt der Herstellung oder am Ende der Mindesthaltbarkeit? Nur die zweite Angabe sagt etwas über das, was du kaufst.
- Magenpassage. Bakterien sind säureempfindlich. Manche Formen sind robuster als andere, etwa sporenbildende Stämme.
- Lagerung. Manche Produkte gehören in den Kühlschrank, andere sind raumtemperaturstabil. Steht dazu nichts, fehlt eine wichtige Angabe.
Mehr ist nicht automatisch besser. Eine hohe Zahl ohne Stammangabe ist eine Marketingzahl.
Ballaststoffe: hier gibt es tatsächlich zugelassene Aussagen
Anders als bei den Bakterienkulturen ist bei Ballaststoffen einiges zugelassen, jeweils an eine Menge gebunden:
| Zugelassene Aussage | Bedingung |
|---|---|
| Chicorée-Inulin trägt zur Aufrechterhaltung einer normalen Darmfunktion bei, indem es die Stuhlfrequenz erhöht | 12 g natives Chicorée-Inulin täglich |
| Roggenballaststoff trägt zur normalen Darmfunktion bei | mindestens 6 g Ballaststoff je 100 g |
| Weizenkleie-Ballaststoff trägt zur Beschleunigung der Darmpassage bei | mindestens 10 g Weizenkleie-Ballaststoff täglich |
| Weizenkleie-Ballaststoff trägt zur Erhöhung des Stuhlvolumens bei | mindestens 6 g Ballaststoff je 100 g |
| Lebende Joghurtkulturen verbessern die Laktoseverdauung des Produkts bei Personen mit Laktoseintoleranz | mindestens 108 lebende Kulturen je Gramm, gilt für Joghurt und fermentierte Milch |
Die letzte Zeile ist bemerkenswert: Sie ist die einzige zugelassene Angabe im gesamten Themenfeld, die überhaupt lebende Kulturen betrifft. Und sie gilt für Joghurt, nicht für Kapseln.
Die Mengen in der Tabelle sind der Grund, warum diese Aussagen bei Nahrungsergänzungsmitteln kaum vorkommen: 12 Gramm Inulin sind ein gehäufter Esslöffel Pulver, keine Kapsel.
Offen gesagt
Für einzelne Bakterienstämme in Kapseln gibt es in der Europäischen Union keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Kein einziger Antrag ist durchgekommen. Das liegt nicht daran, dass niemand geforscht hätte, sondern daran, dass die eingereichten Nachweise den Anforderungen nicht genügt haben.
Wir führen ein Produkt mit Bakterienkulturen. Es heißt deshalb „Komplex mit Bakterienkulturen“ und nicht „probiotischer Komplex“. Was der Stamm kann, müssen wir dir schuldig bleiben. Welcher Stamm es ist und wie viele KBE enthalten sind, steht auf der Produktseite.
Der ehrlichste Rat zum Thema kostet nichts: Die Ballaststoffmenge aus normalen Lebensmitteln ist der Hebel, an dem die meisten etwas ändern könnten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt 30 Gramm pro Tag als Richtwert, erreicht wird dieser Wert in Deutschland im Schnitt nicht. Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse und Gemüse liefern das in Mengen, die keine Kapsel erreicht.
Häufige Fragen
Warum steht auf deutschen Produkten nicht „probiotisch“?
Weil der Begriff als gesundheitsbezogene Angabe gilt und nicht zugelassen ist. Nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zählt auch eine Andeutung als Angabe. Zulässig ist die sachliche Beschreibung „mit Bakterienkulturen“.
Was bedeutet KBE?
Koloniebildende Einheiten, also die Anzahl vermehrungsfähiger Keime. Wichtig ist, ob sich die Zahl auf den Zeitpunkt der Herstellung oder auf das Ende der Mindesthaltbarkeit bezieht. Nur die zweite Angabe beschreibt, was beim Kauf noch enthalten ist.
Warum ist die Stammangabe wichtig?
Weil sich zwei Stämme derselben Art deutlich unterscheiden können. Eine vollständige Angabe nennt Gattung, Art und Stamm, zum Beispiel Lacticaseibacillus rhamnosus GG. „Lactobacillus“ allein ist keine überprüfbare Information.
Gibt es zugelassene Aussagen zu Ballaststoffen?
Ja, mehrere. Chicorée-Inulin trägt ab 12 g täglich zur Aufrechterhaltung einer normalen Darmfunktion bei, indem es die Stuhlfrequenz erhöht. Auch für Roggenballaststoff und Weizenkleie-Ballaststoff bestehen zugelassene Angaben, jeweils an Mengen gebunden.
Sind Kapseln oder fermentierte Lebensmittel besser?
Das lässt sich nicht allgemein beantworten, weil für einzelne Stämme in Kapseln keine zugelassenen Aussagen bestehen. Sicher ist nur: Die empfohlene Ballaststoffmenge von rund 30 Gramm täglich lässt sich über Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse und Gemüse erreichen, über Kapseln nicht.
Über den Autor
Oliver Berfelz ist Ernährungsberater mit A-Lizenz, Foodcoach, ehemaliger Sternekoch, Produktentwickler und Gründer von VitaSpice. Mehr über Oliver
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.
Stand: September 2026. Rechtsgrundlagen: Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, Verordnung (EU) Nr. 432/2012, Verordnung (EU) 2015/2314 zur Angabe für Chicorée-Inulin.
Oliver Berfelz verbindet jahrzehntelange Erfahrung in der Spitzengastronomie mit fundiertem Ernährungswissen. Als Gründer von VitaSpice entwickelt er hochwertige, laborgeprüfte Supplements, abgefüllt und laborgeprüft in Deutschland.