Adaptogene: Was der Begriff bedeutet, was erlaubt ist und worauf du achten musst
Adaptogen ist kein zugelassener Begriff, sondern ein Wort aus der sowjetischen Pharmakologie der 1940er Jahre. Was hinter Ashwagandha, Ginseng, Shilajit und Löwenmähne steckt, warum in der EU keine Wirkung beworben werden darf und welche Sicherheitsfragen offen sind.
Das Wichtigste in Kürze
- „Adaptogen“ ist kein rechtlicher und kein pharmakologischer Begriff, sondern ein Wort aus der sowjetischen Forschung der 1940er Jahre. Es beschreibt eine Idee, keine geprüfte Wirkkategorie.
- Für keinen der vier bekanntesten Vertreter gibt es in der EU eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Die Bewertung pflanzlicher Stoffe ruht seit 2010.
- Bei Ashwagandha ist die Lage in Europa uneinheitlich und in Bewegung: Dänemark hat den Einsatz in Nahrungsergänzungsmitteln 2024 untersagt, Polen hat Höchstmengen festgelegt, Frankreich schreibt Warnhinweise vor. Die EFSA prüft die Risiken derzeit gemeinsam mit den Mitgliedstaaten.
- Bei Shilajit ist die Schwermetallbelastung das zentrale Qualitätsthema. Ohne Laboranalyse ist ein Shilajit-Produkt nicht beurteilbar.
- Was du beim Kauf prüfen kannst: standardisierter Extrakt mit Prozentangabe, Menge pro Tagesportion, Laboranalyse. Alles andere ist Erzählung.
Woher der Begriff kommt
Der Begriff geht auf den sowjetischen Pharmakologen Nikolai Lazarev zurück, der ihn 1947 prägte, und auf Israel Brekhman, der ihn in den folgenden Jahrzehnten ausbaute. Gemeint war eine Substanz, die unspezifisch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen erhöht, ohne normale Körperfunktionen zu stören.
Diese Definition ist bis heute nicht in eine behandelbare, prüfbare Kategorie überführt worden. Es gibt kein Zulassungsverfahren für „Adaptogene“, keine Liste, keine Kriterien, die ein Stoff erfüllen muss, um so genannt zu werden. Jeder Anbieter kann jedes Kraut so nennen.
Das macht den Begriff nicht wertlos, aber es macht ihn zu einem Marketingwort. Wer ihn liest, sollte ihn so einordnen.
Warum in der EU keine Wirkung beworben werden darf
Gesundheitsbezogene Angaben brauchen nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 eine Zulassung. Für Vitamine und Mineralstoffe ist dieses Verfahren abgeschlossen, die zulässigen Sätze stehen in Verordnung (EU) Nr. 432/2012.
Für Pflanzenstoffe ist es das nicht. Rund zweitausend eingereichte Angaben zu Botanicals liegen seit 2010 auf Eis, weil sich die Kommission und die Mitgliedstaaten nicht auf ein Bewertungsverfahren einigen konnten. Dieser Zustand heißt „on hold“ und dauert inzwischen über fünfzehn Jahre an.
Praktisch bedeutet das: Aussagen wie „senkt Cortisol“, „steigert die mentale Ausdauer“ oder „fördert die Entspannung“ sind für diese Stoffe nicht zulässig. Das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein hat 2026 Aussagen zum Stressabbau bei Ashwagandha untersagt. Wer solche Sätze auf einer Produktseite liest, liest eine unzulässige Werbung, kein geprüftes Versprechen.
Ashwagandha (Withania somnifera)
Eine Pflanze aus der ayurvedischen Tradition, verwendet wird die Wurzel. Die im Markt übliche Kennzahl ist der Gehalt an Withanoliden, meist zwischen 1,5 und 5 Prozent im Extrakt.
Der wichtigste Teil dieses Abschnitts ist nicht die Wirkung, sondern die Sicherheit. Die Lage in Europa ist derzeit uneinheitlich:
- Dänemark hat Ashwagandha in Nahrungsergänzungsmitteln 2024 untersagt.
- Polen hat Höchstmengen festgelegt.
- Frankreich schreibt Warnhinweise vor und empfiehlt den Verzicht bei Schilddrüsenerkrankungen und bei Herzerkrankungen.
- Deutschland kennt bislang keine Vorabgenehmigung. Die Verantwortung liegt beim Hersteller.
- Die EFSA prüft die Risiken derzeit gemeinsam mit den Mitgliedstaaten.
Anlass sind europaweite Berichte über mögliche Leberschäden, in einem Fall bis zum Leberversagen, sowie Hinweise auf Auswirkungen auf Schilddrüsenhormone und auf ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko in der Frühschwangerschaft. Die Verbraucherzentralen haben das Thema im Portal Klartext Nahrungsergänzung aufgearbeitet und im April 2026 einen Marktcheck dazu veröffentlicht.
Was das für dich heißt: Ashwagandha gehört nicht in die Schwangerschaft und nicht in die Stillzeit. Wer eine Schilddrüsenerkrankung oder eine Lebererkrankung hat oder entsprechende Medikamente nimmt, spricht vor der Einnahme mit ärztlichem Fachpersonal. Wer während der Einnahme anhaltende Müdigkeit, Übelkeit, dunklen Urin oder eine Gelbfärbung bemerkt, setzt ab und lässt das abklären.
Wir führen Ashwagandha-Produkte. Wir halten es für richtig, dass du diese Informationen bei uns findest und nicht erst woanders.
Ginseng (Panax ginseng)
Die am längsten und am breitesten untersuchte Pflanze dieser Gruppe. Kennzahl ist der Gehalt an Ginsenosiden, üblich sind 4 bis 20 Prozent im Extrakt. Roter und weißer Ginseng unterscheiden sich in der Verarbeitung, nicht in der Pflanze.
Zu beachten: Ginseng kann mit blutgerinnungshemmenden Medikamenten und mit Diabetesmedikamenten in Wechselwirkung treten. Wer solche Mittel nimmt, klärt die Einnahme ärztlich ab. Eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe gibt es auch hier nicht.
Shilajit
Kein Pflanzenextrakt, sondern ein Harz aus Gesteinsspalten des Himalaya und anderer Hochgebirge, entstanden über lange Zeiträume aus Pflanzenmaterial. Kennzahl ist der Gehalt an Fulvosäure, meist zwischen 50 und 80 Prozent.
Das entscheidende Qualitätsthema ist die Schwermetallbelastung. Unaufbereitetes Shilajit kann Blei, Arsen und andere Schwermetalle in relevanter Menge enthalten, weil es aus Gestein stammt. Ein Shilajit-Produkt ohne verfügbare Laboranalyse auf Schwermetalle ist nicht beurteilbar. Das ist keine Feinheit, sondern das zentrale Kriterium.
Löwenmähne (Hericium erinaceus)
Ein Speisepilz, in Asien seit langem in der Küche verwendet. Als Ergänzung meist als Extrakt, Kennzahl ist der Gehalt an Beta-Glucanen. Achte darauf, ob der Extrakt aus dem Fruchtkörper oder aus dem Myzel auf Nährsubstrat gewonnen wurde, denn Letzteres enthält einen hohen Anteil des Substrats selbst.
Die Datenlage beim Menschen ist dünn: wenige kleine Studien, kurze Laufzeiten. Eine zugelassene Angabe gibt es nicht.
Was du beim Kauf tatsächlich prüfen kannst
- Standardisierung mit Prozentangabe. „Ashwagandha-Extrakt, standardisiert auf 5 % Withanolide“ ist eine Aussage. „Ashwagandha 1000 mg“ allein ist keine, weil offen bleibt, ob es Extrakt oder gemahlene Wurzel ist.
- Extrakt oder Pulver. Ein Verhältnis wie 10:1 bedeutet, dass zehn Teile Rohware zu einem Teil Extrakt verarbeitet wurden. Ohne diese Angabe sind Mengen nicht vergleichbar.
- Menge pro Tagesportion, und aus wie vielen Kapseln oder Gummies diese Portion besteht.
- Laboranalyse, bei Shilajit zwingend auf Schwermetalle, bei Pilzextrakten auf Beta-Glucane.
- Keine Wirkversprechen im Text. In diesem Segment ist das ein Qualitätsmerkmal, kein Mangel.
Offen gesagt
Wir verkaufen Produkte mit allen vier Stoffen. Was sie können, müssen wir dir schuldig bleiben, und zwar nicht nur aus rechtlichen Gründen: Die Studienlage ist für die meisten dieser Stoffe dünn, die Studien sind klein, kurz und oft von Herstellern finanziert.
Was wir stattdessen zeigen können, steht auf jeder Produktseite: welcher Extrakt, welche Standardisierung, welche Menge, welche Analyse. Das ist weniger als ein Versprechen und mehr als das meiste, was im Regal danebensteht.
Häufige Fragen
Was sind Adaptogene?
Ein Begriff aus der sowjetischen Pharmakologie der 1940er Jahre für Substanzen, die unspezifisch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen erhöhen sollen. Es ist keine rechtliche oder pharmakologische Kategorie, es gibt keine Kriterien und kein Zulassungsverfahren dafür.
Sind Adaptogene in der EU zugelassen?
Die Stoffe dürfen verkauft werden, aber es gibt für sie keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben. Die Bewertung pflanzlicher Stoffe ruht seit 2010. Aussagen zu Stress, Schlaf oder Cortisol sind deshalb unzulässig.
Ist Ashwagandha gefährlich?
Die Lage in Europa ist uneinheitlich. Dänemark hat den Einsatz in Nahrungsergänzungsmitteln 2024 untersagt, Polen hat Höchstmengen, Frankreich schreibt Warnhinweise vor, und die EFSA prüft die Risiken gemeinsam mit den Mitgliedstaaten. Anlass sind Berichte über mögliche Leberschadenfälle sowie Hinweise auf Effekte auf Schilddrüsenhormone und auf die Frühschwangerschaft. Nicht geeignet in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Schilddrüsen-, Leber- oder Herzerkrankungen vorher ärztlich abklären.
Worauf muss ich bei Shilajit achten?
Auf eine Laboranalyse zu Schwermetallen. Shilajit ist ein Harz aus Gestein und kann unaufbereitet Blei und Arsen enthalten. Ohne Analyse ist ein Produkt nicht beurteilbar.
Woran erkenne ich einen guten Extrakt?
An der Standardisierung mit Prozentangabe, etwa Withanolide bei Ashwagandha, Ginsenoside bei Ginseng, Fulvosäure bei Shilajit, Beta-Glucane bei Pilzen, am angegebenen Extraktverhältnis und an einer verfügbaren Laboranalyse.
Über den Autor
Oliver Berfelz ist Ernährungsberater mit A-Lizenz, Foodcoach, ehemaliger Sternekoch, Produktentwickler und Gründer von VitaSpice. Mehr über Oliver
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.
Stand: September 2026. Quellen zur Rechtslage und zu den Sicherheitsfragen: Verbraucherzentralen, Portal Klartext Nahrungsergänzung, Marktcheck Ashwagandha vom April 2026. Rechtsgrundlagen: Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, Verordnung (EU) Nr. 432/2012.
Oliver Berfelz verbindet jahrzehntelange Erfahrung in der Spitzengastronomie mit fundiertem Ernährungswissen. Als Gründer von VitaSpice entwickelt er hochwertige, laborgeprüfte Supplements, abgefüllt und laborgeprüft in Deutschland.